Der Weg ist das Ziel

„Uhuru-Peak“ – die Art des Weges

In unseren Leben passiert ständig sehr viel. Diese Erlebnisse animieren uns zu Gedanken und Überlegungen über den Weg den wir gehen und die Ziele die wir uns setzten. Einiges verarbeiten wir auch unterbewusst im Schlaf. An die Träume, die uns stark beeindruckt haben, können wir uns nicht selten gut erinnern. Sie sind oft ein Symbol für die schon geschehene oder dringend notwendige Veränderung in unserem Leben.
Genauso einen Traum habe ich vor kurzem gehabt. Es sind zum Teil sehr persönliche Einblicke in meine eigene Welt, da ich aber meine Gedanken dazu mit euch teilen möchte, erzähle ich hier die ganze Story.

Der Traum

Die Atmung ist schwer. Stickige, heiße Luft legt sich in salzigen  Tropfen auf meine Haut und rinnt langsam mein Gesicht herab. Durch die saftigen, grünen Blätter der gewaltigen Bäume, kommen nur wenige Sonnenstrahlen in das tiefe Innere des Urwaldes. Das Zwitschern und Zirpen der Vögel kriecht meinen Gehörgang hinauf und der ohrenbetäubende Lärm vereinnamt meinen Kopf. In meinem Brustkorb trommelt jemand eine Armee in den Kampf. Mein Herz droht jeden Moment seinen Dienst zu versagen.

Wir sind gerade im nächsten Camp angekommen. Die ersten Ankömmlinge ruhen auf den stinkenden Hängematten, die mit einer speckigen Schicht aus Schmutz und Hautabsonderungen überzogen sind. Ein beißender, säuerlicher Geruch schneidet bei jedem Atemzug eine neue Wunde in die Luftröhre. Es wird immer enger und das Schwindelgefühl scheint nicht nur mich gefangen zu halten. Eine spürbare Nervosität lässt mich die Nähe zu den anderen kaum noch ertragen. Wir wandern schon seit einigen Tagen unter diesen Umständen. – Warum eigentlich? – Ich versuche mich angestrengt zu erinnern. – „Uhuru-Peak“ am Kilimanjaro ist unser Ziel. – flüstert mir eine Stimme zischend ins Ohr.
Der Bergführer lacht mir direkt ins Gesicht. – Was für Schwächlinge, was für unfähige und bedauernswerte Gestalten ihr seid – scheint er zu denken. – Ohne ihn würden wir sowieso keine Sekunde lang hier überleben. Aber das Glück, diese Chance, unter seiner Leitung so ein Abenteuer zu erleben, wissen wir einfach nicht zu schätzen. So undankbar… – Sein Gesicht brennt vor Hass und Verachtung .

Die plötzliche Ankunft „der Gegner“ rettet mich aus dieser unangenehmen, schweigenden Konfrontation. Der Bergführer hätte uns lieber von ihnen zerstückelt gesehen als uns zu helfen. Er befiehlt uns aber trotzdem uns im Wald zu verstecken. Nur er alleine ist fähig sich der Meute zu stellen. Wenn uns unser Leben lieb ist, sollen wir uns besser nicht einmischen. Das will auch keiner. Alle sind still. Als ich mich von meinem Versteck aus umsehe, sitzen alle zusammengekauert, jeder hinter einem Baum, die Augen zusammengekniffen. Offensichtlich warten sie bis es vorbei ist. Niemanden scheint die eigene Hilfslosigkeit zu stören. Dass wir dem Bergführer voll und ganz ausgeliefert sind, auch nicht. Genau diese Abhängigkeit macht mich jedoch unglaublich wütend. Schlimmer als hier kann es nirgendwo mehr sein. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und trete aus meinem Versteck heraus. Ich bin mir nicht sicher, vor wem ich mehr Angst habe. Vor dem Bergführer oder vor „den Gegnern“?  Der Blick des Bergführers trifft mich wie mit einem Dolch. Seine Verachtung lähmt mich. Ich bin wehrlos. Ich stehe einfach da und sehe erstarrt zu bis er “die Gegner”, meine einzige Hoffnung auf Veränderung, verjagt. Still trauere ich der verlorenen Chance nach.

Sofort danach geht die Wanderung weiter. Keine Zeit für Pause. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir mit Mühe das lang ersehnte Ziel. Uhuru-Peak- den Gipfel. So erleichtert war ich noch nie in meinem Leben. Die Freude weicht aber sofort dem nächsten Schrecken. Kalter Schweiß rinnt meinen Rücken herab, mein Atem ist flach und kurz. Alleine die Vorstellung an den beschwerlichen Rückweg, bringt mich innerlich zum Schreien.
Mein Körper sinkt schwer und kraftlos auf den kalten Boden. – Was soll ich tun? Kann ich nochmal die Kraft aufbringen und den gleichen Weg zurückgehen? Der gleiche Ekel? Die gleichen Entbehrungen? Wäre es nicht besser sich zwischen den Felsen zu verstecken und einfach abzuwarten, bis alle anderen weg sind? – Warme Sonnenstrahlen streicheln sanft mein Gesicht. Ich versinke in meinen Gedanken und ein ruhiger Schlaf zieht mich in seine Tiefe. Es wird dunkel. Es wird kalt. Plötzlich streicht ein Schatten über mein Gesicht und ich erwache. Ich öffne meine Augen und völlig selbstverständlich, so als ob er immer da gewesen wäre, steht Alex vor mir. Ich höre ihn leise aber deutlich sagen – Sch…. drauf! Wir nehmen einen anderen Weg! –

Völlig Berauscht ziehen wir uns um. Innerhalb von Sekunden schnallen wir unsere Snowboards an und rasen den steilen Hang hinunter. Ich höre die Kanten durch den Pulverschnee ziehen. Die weiße Landschaft, die spitzen Felsen, die beschneiten Tannen, fließen an uns vorbei. Mein Herz hört für einen kurzen Moment auf  zu schlagen… um gleich mit voller Wucht Adrenalin in mein Blut zu pumpen. Mein Inneres füllt sich vollständig mit Freude und Antrieb, meine Sinne schärfen sich und meine Konzentration steigt. Die Angst zu stürzen verfliegt durch das Wissen, wieder aufstehen zu können.
Das eigene Bewusstsein und mein Selbstvertrauen löst in mir eine gelassene Zufriedenheit aus. Gleichzeitig bin ich voll aufgedreht. Ich habe mich vom unausstehlichen Hass und Ekel befreit. Die lähmende Ohnmacht, die mich am Ende nichts als nur noch existieren ließ, ist wie weggeblasen. Ich fühle mich wie neugeboren. Gespeist von einer unerschöpflichen Energiequelle.

Meine Gedanken zum Traum

Während ich auf meinem Snowboard mit Alex den Berg hinunterraste, wusste ich noch nicht wohin der Weg führen sollte. Wohin mich der momentane Weg in meinem wirklichen Leben führt, kann ich auch nicht ganz vorhersagen. Ich spürte aber in dem Traum wieder Kraft in mir und hatte Freude daran, diesen Weg einzuschlagen. Ganz im Gegensatz zu dem ersten Weg, der sich alles andere als gut für mich angefühlt hatte, der mühsam und lähmend war. Dass ich Kilimanjaro aber gar nicht besteigen wollte, wurde mir erst nachdem ich den Gipfel erreicht hatte klar. Warum? Wahrscheinlich weil das Gehen dieses Weges im Widerspruch zu meinen tatsächlichen Bedürfnissen war. Ich hatte nur noch Kraft übrig, um einfach irgendwie durchzukommen, um gerade zu überleben. Überlegen, was ich eigentlich will, konnte ich gar nicht mehr. Dafür war ich schon viel zu schwach.

Der Weg und das Ziel

Der Weg mag vielleicht nicht das Ziel sein, er ist aber ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Erst wenn wir den Weg gerne gehen, können wir uns auch darauf konzentrieren, uns immer wieder neue Ziele zu setzten. Nicht solche, die sich aus Erwartungen anderer oder falscher Vorstellungen von uns selbst ergeben, sondern solche, die wir auch wirklich erreichen wollen. Und wir brauchen auch diese Ziele. Ohne jene besteht die Gefahr, nicht nur den falschen Weg zu gehen, sondern vor allem überhaupt keinen Weg zu gehen!

“It ist ok for the destination to change, but if you are always in the path you can never go wrong.”

– sagt Chase Jarvis in einem seiner inspirierenden Videos.

 

Es ist wichtig sich immer wieder Gedanken darüber zu machen, was die eigenen Ziele sind. Fast wichtiger aber scheint mir, den richtigen Weg für sich zu finden. Einen, den wir im Einklang mit unserem tiefsten, inneren Ich, gehen können. Einen, der uns nicht lähmt. Denn sobald wir diese Ohnmacht anfangen zu spüren, ist es wahrscheinlich Zeit unseren Weg zu ändern. Denn solange wir nicht unseren Weg gehen, verfälschen sich auch unsere Ziele. Und je länger wir nicht die wirklich von uns gewollten Ziele verfolgen, desto schwieriger ist es den Weg zu ändern.

“Die meisten Menschen, (…) sind wie ein fallendes Blatt, dass weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetzt und ihre Bahn.”

Herman Hesse: Siddhartha

Diese “feste Bahn”, ist unser Weg. Diesen Weg gilt es, in sich zu finden und immer wieder zu rekapitulieren. Denn nur derjenige, der sich auf seinem Weg wohl fühlt, findet auch Kraft über seine gewünschten Ziele nachzudenken und die Kraft diese erreichen zu können.

Alles Gute für den Weg!
Natalia

About the Author Natalia Dziadus-Hammerschmied

Am liebsten schmiede ich neue Pläne: eines Office-Buildings, einer Marketingstrategie, eines Websitekonzepts... Dabei lerne ich ständig Neues und diese Herausforderungen machen mich lebendig! In der Zwischenzeit schreibe ich darüber, wie sich mein Leben dadurch verändert und wie mich das glücklich macht :)

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